Rechtsanwalt Stephan Werhahn, Ph.D., M.Sc., Vorstand des Deutschen Instituts der Aufsichtsräte, ist als Unternehmer, Investor und Berater tätig und publiziert regelmäßig zu den Themen Werte in der Wirtschaft und Europapolitik.

stephan-werhahn-in-mir-stecken_neu

Eine erstaunliche Notiz in der FAZ vom 18.1.2018 zeigt das Thema auf: Larry Fink, der Chef des amerikanischen Vermögensverwalters BlackRock ($ 6.288 Mrd Assets under Management), hat an die Vorstände von internationalen Unternehmen geschrieben. Er mahnt, nicht nur einen möglichst hohen Gewinn anzustreben, sondern auch auf andere Dinge zu achten – zum Beispiel auf die Rolle der Unternehmen in der Gesellschaft.

„Die Gesellschaft verlangt, dass Unternehmen, private wie öffentliche, einem sozialen Zweck dienen“, schrieb er nach Angaben der „New York Times“. Fink fügte hinzu: „Um langfristig zu prosperieren, muss jedes Unternehmen nicht nur eine finanzielle Leistung erbringen, sondern auch zeigen, wie es einen positiven Beitrag zur Gesellschaft erbringt.“ Alle müssten profitieren: Aktionäre, Beschäftigte, Kunden und auch die Gemeinschaft, in der ein Unternehmen tätig sei. Andernfalls drohe einem Unternehmen, dass es seine „Lizenz zum Arbeiten“ verliere, so Fink.

Die Überschrift des Briefs des größten Einzelaktionärs und Investors der Welt an seine CEOs lautet: a sense of purpose. Demnach ist es essentiell für jeden CEO, Vorstand oder Geschäftsführer, sich der Frage der Ethik und der gesellschaftlichen Verantwortung der Wirtschaft zu stellen.

 

Die Orientierungskrise – ausgelöst durch Verwerfungen der Globalisierung, Digitalisierung und beschleunigten Strukturwandel – wird als Ethik- und Wertekrise verstanden. Durch eine Rückbesinnung auf Werte sollen diese Verwerfungen wieder gerichtet werden. Mangels Unterstützung durch Zivilgesellschaft und Politik wächst bei den Wirtschaftseliten die Einsicht heran, dass sie sich selbst und der Gesellschaft helfen müssen. Die Wirtschaft soll die Krisen mithilfe von Werten wieder richten.

 

Orientierungskrise als Wertekrise

Viele Krisen haben in den letzten zehn Jahren die Politik, die Wirtschaft und die Öffentlichkeit in Atem gehalten, z. B:

  • Finanzmarkt- und Bankenkrise,
  • Schuldenkrise, Eurokrise, Griechenlandkrise, und zuletzt
  • die Flüchtlingskrise, der Brexit,
  • das Aufkommen populistischer, nationalistischer Parteien mit offen antieuropäischen Programmen,
  • die Tendenz zu autoritärem Politikverständnis
  • und viele weitere.

Ein Krisenbewußtsein hat jetzt breite Kreise der Bevölkerung bis in die Wissenschaft und die Politik erfasst. Als wesentliche Ursache gelten Entwicklungen der letzten zwei bis drei Jahrzehnte in der globalen Wirtschaft. Es werden vor allem die Globalisierung und neuerdings die Digitalisierung als Treiber dieser Entwicklungen ausgemacht, deren Auswirkungen jetzt auch den normalen Bürger erreichen.

 

Die zentrale Frage ist, wie man die aus den Fugen geratene Welt wieder in Ordnung bringen kann.

Ein beschleunigter Strukturwandel bringt hohe Anpassungserfordernisse für die Unternehmen, die Mitarbeiter und die Bürger mit sich. Die Skepsis ist besonders groß gegenüber der Wirtschaft, die fortwährenden Verstöße gegen die marktwirtschaftlichen Regeln insbesondere bei den Banken, der Automobilindustrie und den datenbasierten Digitalgiganten, unter anderem durch überzogene Managementgehälter und Abfindungen. Effektive ethische Kategorien, die hier normativ wirken könnten, gibt es noch nicht, die ethischen Prinzipien werden als richtungweisend daher in Werten ausgedrückt.

 

Daher sprechen wir bei praktisch angewandter Wirtschaftsethik weitestgehend von werteorientierter Führung.

Ethik und Ökonomik scheinen sich z. B. durch die Ökonomisierung aller Lebensverhältnisse immer weiter voneinander zu trennen. Diese Entwicklung könnte nur noch durch Beachtung von Werten im Management wieder eingefangen werden. Die Frage wird häufig gestellt, ob nicht die globalisierte und digitalisierte Marktwirtschaft und der Kapitalismus die fundamentalen Werte der „christlich-abendländischen“ bzw der „westlichen“ Kultur des „Ehrbaren Kaufmanns“ untergräbt? Könnte die Beachtung der Werte helfen?

 

Sollen und können es die Wirtschaftseliten richten?

Laut dem Ökonomen Peter Drucker ist die werteorientierte Führung der Wirtschaft eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Die Wirtschaftsmanager sind die führende Elite des 21. Jahrhunderts. Die Wirtschaft und ihre Eliten müssen sich offen dieser Führungsaufgabe stellen, weil sie – und nicht Politik oder Zivilgesellschaft – über die weitaus meisten und wichtigsten Ressourcen der Weltgesellschaft (Wissen, Geld-, Sach- und Humankapital, Naturkapital) verfügen.

Daraus folgt für Drucker zwingend, dass die Wirtschaftseliten das Ganze im Blick haben müssen, wenn ihnen nicht die Legitimation entzogen werden soll. Ähnlich argumentieren auch große Finanz- und strategische Investoren als Eigentümer großer angelegter Vermögen.

 

Wirtschaftsethik: Begriff und Ansätze in der Wissenschaft

Im deutschen Sprachraum kam es außerhalb der Theologie und außer dem großen deutschen Soziologen und Nationalökonomen Max Weber (1864-1920, „Gesinnungs- und Verantwortungsethik“)  erst in den achtziger Jahren zu einer intensiven Auseinandersetzung mit den Grundlagen und Themen der Wirtschaftsethik. Peter Ulrich, Karl Homann, Hermann Sauter und Peter Koslowski sind u.a. die Namen, die in diesem Zusammenhang immer wieder fallen. Ein zentrales Kennzeichen der Diskussion ist eine Balance von Ökonomie und Ethik. Bestimmte Normen, etwa die Menschenrechte, die universal und uneingeschränkt gelten, können der ökonomischen Suche nach möglichst effizienten Lösungen auch einmal im Weg stehen. So kommt man zu einer praktischen Wirtschaftsethik, in der ethisches Sollen und ökonomische Rationalität behutsam miteinander verknüpft werden. Einerseits können legitime Zwecke des Wirtschaftens nur ethisch bestimmt werden.

Andererseits kann nur derjenige ethische Ansprüche an wirtschaftliche Praxis sachgemäß formulieren, der Nebenfolgen ökonomisch abschätzt und Effizienzerfordernisse beachtet. Unternehmensethik thematisiert dies Verhältnis von Moral und Gewinn in der Unternehmensführung und befasst sich mit der Frage, wie moralische Normen und Ideale unter den Bedingungen der modernen Wirtschaft von den Unternehmen zur Geltung gebracht werden können. (Homann/Blome-Drees, 1992)

 

Funktion von Werten in der Führung

Werte dienen der Orientierung, vergleichbar einem Kompass. Sie zeigen die generelle Richtung an, in die sich die Akteure bewegen wollen. Sie sorgen für die Kohärenz der zahlreichen Einzelentscheidungen, indem sie diese in einen sinnvollen Zusammenhang bringen. Kommunizierte Werte sollen so zu wertekonformem Handeln motivieren. Die Anerkennung und auch emotionale Bejahung von Werten bringen auf diese Weise die Leistungsfähigkeit, das Potenzial der Akteure zur Entfaltung, sie ermutigen.

In der Außenbeziehung der Akteure schaffen Reputation, Selbstdarstellung und Selbstbindung in Verbindung mit deren nachhaltigen Beachtung Vertrauen und erleichtern Interaktion. Je dynamischer sich die Welt verändert und entwickelt, desto wichtiger werden Selbstdarstellung und Selbstbindung durch Werte, weil diese zeigen, was von diesem Akteur zu erwarten ist, und weil zugleich eine flexible Anpassung an konkrete Situationen und an veränderte Problemlagen möglich wird, ohne dass das Handeln beliebig oder willkürlich würde.

 

Handeln in konkreten Bedingungen

Handeln ist immer konkret. Handeln, Entscheiden und Führen findet immer statt in konkreten empirischen Bedingungen, z. B. entgeltliche Anreizsysteme, Ressourcen, Naturgesetze, Umweltbedingungen, ökonomische Gesetze und Systemlogiken wie Wettbewerb, Kostenstrukturen, Rechtsvorschriften, Normen, Pflichten, kulturelle Bedingungen, Erwartungen anderer, Gegenstrategien von Interaktionspartnern, Pfadabhängigkeiten etc. Handeln stellt immer eine Auseinandersetzung mit der empirischen Welt dar. Ethik allgemein und eine wertorientierte Führung im Besonderen müssen sich dem „Dilemma aller normativen Ansprüche“ stellen, nämlich dass sie „sich mit der Welt gemein machen müssen, wenn sie sie verändern wollen“ (Möllers, 2015,270).

 

Richtung weisen

Wenn also Handeln immer zwei Klassen von Einflussfaktoren unterliegt – die Werte und die Realisierungsbedingungen -, dann ergibt sich für die Führung daraus die Aufgabe, diese oft konfligierenden Faktoren so auszutarieren, dass das Unternehmen oder die Organisation kontinuierlich Ergebnisse erzielt, die arbeitsteilig das Glück aller Menschen fördern und – deswegen – das nachhaltige Überleben am Markt sichern. Gebote und Verbote erfolgen durch Normen, Werte geben die Richtung an, in die sich das Unternehmen langfristig bewegen soll.

 

Aufgabe der Führung ist es daher, Richtung zu weisen, Orientierung zu geben und letztlich so etwas wie Sinn zu vermitteln.

Grafik_Steuerung-eines-Unternehmens2_SPENDIT-AG