Was ist Resilienz? Flexibel wie ein Bambus – das Geheimnis der Resilienz

Was ist Resilienz? Flexibel wie ein Bambus – das Geheimnis der Resilienz

Interview mit Dr. Oliver Schwarz, Chefarzt für Psychosomatik und Facharzt für Psychiatrie & Psychotherapie, Trauma- und EMDR-Therapeut an der Klinik im Alpenpark, Bad Wiessee

Was ist Resilienz?

Resilienz, die innere Stärke eines Menschen, unterstützt dabei in schwierigen Lebenslagen die Ruhe zu bewahren und nicht den positiven Lebenssinn zu verlieren.
Besonders resiliente Menschen meistern Krisen einfacher.

Herr Dr. Schwarz, Sie sind Chefarzt für Psychosomatik. Menschen mit welchen Krankheiten behandeln Sie?

„Zu uns kommen Patienten mit Depressionen, Angsterkrankungen, somatoformen Störungen – also körperlichen Beschwerden, für die keine körperliche Ursache gefunden werden konnte –, Trauma-Folge-Störungen und Persönlichkeitsstörungen.

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Häufig haben die Klienten schon eine Diagnose von ihrem Hausarzt, einem psychosomatischen Arzt oder Psychiater und werden bereits medikamentös behandelt oder sind ambulant in Therapie. Wenn dann ein Life-Event wie eine Trennung, ein Jobverlust oder eine andere Krise hinzukommt und der Alltag zur Überforderung wird, sind wir eine Anlaufstelle. Die meisten unserer Patienten behandeln wir 4 bis 6 Wochen stationär. Viel Wert legen wir in dieser Zeit auf therapeutischen Kontakt und regelmäßige therapeutische Einzelgespräche.“

Burnout haben Sie bei den Krankheitsbildern gar nicht erwähnt?

„Wir sprechen ungern von Burnout, der sich ja definitionsgemäß allein auf berufliche Überlastung beziehungsweise Überforderung bezieht, mit körperlichen wie psychischen Symptomen. Oft handelt es sich dabei eher um eine Depression; zumindest müssen wir „Burnout“ immer klar abgrenzen von Belastungsreaktionen auf ein aktuelles Ereignis oder Depressionen.“

 

Als einer der schützenden und die Gesundheit erhaltenden Faktoren gegen Stress, Burnout bzw. Depression hat sich Resilienz erwiesen. Resiliente Menschen verlieren weniger schnell ihre intrinsische oder extrinsische Motivation. Doch was ist Resilienz?

 

„Resilienz ist unsere psychische Widerstandsfähigkeit – gegen äußere Einflüsse und Probleme. Wir erwerben sie im Lauf des Lebens. Das beginnt mit den ersten Bindungserfahrungen mit unseren Eltern, die uns im besten Fall Urvertrauen und Optimismus schenken. Weiter geht es mit Durchsetzungsvermögen, Leistungsbereitschaft und Erfolgen in der Schule, beim Sport oder in späteren Beziehungen.“

Warum sind manche Menschen resilienter als andere? Warum erhalten sie sich in unserer stressigen, schnelllebigen Zeit ihre Gesundheit erfolgreicher?

 

„Vier Punkte spielen beispielsweise bei der Entwicklung einer Depression eine zentrale Rolle, die gemeinsam die sogenannte multifaktorielle Genese bilden: Erstens sind wir genetisch determiniert, das heißt, wir haben beispielsweise für Depression eine angeborene Veranlagung – wenn bereits unsere Eltern oder Großeltern daran gelitten haben. Zweitens gibt es eine biologische Komponente: wie wir aufgewachsen und erzogen worden sind; wir haben hilfreiche oder weniger hilfreiche Strategien erlernt, um Probleme zu lösen. Ein dritter Punkt sind unsere Botenstoffe im Gehirn, die für Glück oder Freude zuständig sind und eine Depression auslösen können, wenn wir an einem Mangel leiden. Und viertens werden wir von Life-Events wie Erfolgen und Misserfolgen beeinflusst.

All diese Faktoren greifen ineinander. Wer bei Veranlagung, Erziehung, Botenstoffen und Lebensereignissen gut aufgestellt ist, ist grundsätzlich resilienter.“

Kann ich Resilienz auch erlernen oder mir aneignen? Und wenn ja, wie?

 

„In der Therapie würden wir schauen, wie der Klient vom Leidensdruck weg hin zu mehr Lebensqualität und Lebensfreude kommen kann. An den Genen können wir nichts drehen, aber wir können Botenstoffe durch Medikamente beeinflussen und neue Strategien erlernen, die in unserem Alltag besser funktionieren als unsere alten.

Es lohnt sich auch, eigene Ressourcen auf- und auszubauen. Für den einen heißt das, ein geliebtes Hobby wieder aufzugreifen oder erstmal zu finden, wie Tennis spielen oder Segeln, in der Natur sein, Musik zu hören oder kreativ zu werden. Auch Entspannungsverfahren und vor allem Achtsamkeit gehören dazu die Motivationsfaktoren zu erhöhen. In den letzten Jahren hat sich MBSR einen Namen gemacht, also achtsamkeitsbasierte Stressreduktion, die man in Kursen erlernen kann. Bei der Frage, was ist resilienz und wie kann man sie trainieren, tragen persönliche Kontakte, vor allem eine funktionierende Familie, in der sich die Mitglieder Zeit füreinander nehmen, entscheidend zur Resilienz bei. Weniger virtuelle Realität also, mehr reale Kontakt.“

Welche Tipps geben Sie Menschen mit, um stressige Phasen in der Arbeit möglichst gesund und unbeschadet zu überstehen?

 

„Wir alle erleben anstrengende Zeiten mit hoher Belastung, in denen wir an unsere Grenzen kommen. Das ist ganz normal. In unserer Leistungsgesellschaft haben wir aber leider den Kontakt dazu verloren, wann es zu viel ist. Dieser Kontakt lässt sich durch Achtsamkeit wiederherstellen.

In einer Therapie können wir uns anschauen, ob wir uns Stress auch selbst machen: Nehmen wir im Job mehr Aufgaben an als andere in unserer Abteilung? Wenn ja, wie können wir hier umlernen und besser für uns sorgen? Wenn die Wippe auf der einen Seite mit Stress und Belastung stark beladen ist, ist es wichtig, auf der anderen Seite für Entlastung, Entspannung und Freude zu sorgen; das können wir mithilfe unserer Ressourcen, über die wir schon gesprochen haben. Wer eine Krise auch als Chance begreift, Dinge positiv und optimistisch betrachtet und seinen Humor nicht vergisst, kommt meistens gesund durch schwierige Zeiten.“

In unserer Leistungsgesellschaft haben wir aber leider den Kontakt dazu verloren, wann es zu viel ist. Dieser Kontakt lässt sich durch Achtsamkeit wiederherstellen.

Und was können Arbeitgeber tun, um ihre Mitarbeiter bestmöglich vor Stress und Folgekrankheiten zu schützen?

 

„Das hängt natürlich davon ab, ob wir es mit einem großen oder kleinen Unternehmen zu tun haben und in welcher Branche. Aber grundsätzlich ist es hilfreich, wenn Chefs ihren Mitarbeitern auf Augenhöhe begegnen, wenn sie deren Bedürfnisse ernst nehmen und darauf eingehen. Flexible Arbeitszeiten, die gedeckelt sind, die Möglichkeit, Teilzeit zu arbeiten oder im Homeoffice, machen es vor allem für Eltern leichter. Wenn Homeoffice vereinbart wurde, ist es gut, nach einigen Wochen gemeinsam zu schauen, wie effektiv diese Maßnahme war, und sie bei Bedarf anzupassen. Auch Betriebssport oder Entspannungsverfahren helfen Angestellten, einen Ausgleich zu schaffen. Und nicht zuletzt stärken positives Feedback und offen ausgesprochene Wertschätzung jeden Mitarbeiter. Oder Benefits, die diese Wertschätzung vermitteln.“

Vielen Dank an Herrn Dr. Schwarz für das interessante Gespräch!

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