„Künstliche Intelligenz, richtig angewandt, kann menschliche Intelligenz wertvoller denn je machen“

„Künstliche Intelligenz, richtig angewandt, kann menschliche Intelligenz wertvoller denn je machen“

Lunchtalk mit Prof. DI Dr. Werner Leodolter

Sie waren Vorstandsvorsitzender und sind nun CIO der KAGes (Krankenanstaltengesellschaft) und beschäftigen sich als Universitätsprofessor für Angewandte Unternehmensführung im Gesundheitswesen a. auch intensiv mit dem Thema Digitale Transformation.

Welche Veränderungen sehen Sie in Ihrer Spitalsorganisation durch digitale Transformation?

„Digitale Transformation eröffnet ergänzende Behandlungswege wie z. B. bei Herzinsuffizienz ein Telemonitoring einzuführen, wodurch ca. 40% der Patienten vor einer Wiederaufnahme im Krankenhaus bewahrt werden.

Weiters bekommen Ärzte und Pflegepersonal mit den Daten aus 1,9 Mio. elektronischen Krankengeschichten eine Entscheidungsunterstützung, z. B. für die Prognose von Delir. Statistische Modelle werden mit Algorithmen wie z. B. neuronalen Netzen entwickelt, die die Wahrscheinlichkeit des Eintretens von Delir abschätzen und dem Arzt Informationen über die relevanten Parameter beim jeweiligen Patienten liefern. Dies hilft ihm bei der Diagnostik und Therapiestellung. So entsteht eine intelligente Kollaboration von Mensch und Maschine – eine hybride Intelligenz.

Ein weiteres Beispiel ist das System Glucotab (eingetragene Marke) bei Diabetikern: im Spital werden mittels Tablet die Blutzuckerwerte aufgenommen, und vom System ein Dosierungsvorschlag erstellt. Die Behandlung kann somit direkt an die Pflege (ohne Zuziehung von Ärzten) delegiert werden. Hybride Intelligenz verbessert so z. B. insgesamt den Prozess der Behandlung.“

Welche Auswirkungen haben diese Veränderungen der digitalen Transformation auf Ihre Mitarbeiter?

„Die KAGes hat 17.000 Mitarbeiter. Durch die neuen Möglichkeiten werden sich neue Formen der Zusammenarbeit unterschiedlicher Bereiche etablieren. So werden bei schwierigen Fällen vermehrt Teamentscheidungen getroffen, z. B. zwischen Chirurgen, Onkologen und Radiologen in Tumorboards. Telekonsultation wird immer stärker eingesetzt.

Informationsaufbereitung durch Künstliche Intelligenz erfordert neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine. Dabei stellt sich insbesondere die Frage nach Vertrauen: ist der Entscheidungsvorschlag seitens der künstlichen Intelligenz eines Decision Support Systems nachvollziehbar argumentiert, kann ihn der Arzt für sich plausibilisieren oder entscheidet er einfach gemäß des Vorschlages? Wichtig ist vor allem, die relevanten Parameter zum Patienten darzustellen und damit auch ein Gefühl der Sicherheit zu geben.

Bildanalyse und Mustererkennung können z. B. den Radiologen unterstützen. Die Maschine führt z. B. an relevante Stellen des Bildes heran und der Radiologe analysiert dann im Detail.

Eine weitere Auswirkung ist, dass gewisse Tätigkeiten wegfallen, wie z. B. durch Automatisierung in der Rechnungsabwicklung die Reduktion auf Exception Handling und Controlling.“

Kann durch digitale Transformation die Verwaltung – wie sie bestimmt auch in Ihrer großen Organisation besteht – entschlackt und z. B. Prozesse in der Personalabteilung entlastet werden?

„Im Personalwesen kann man damit Bewerbungen vorfiltern und Tests analysieren, wodurch eine gute Vorbereitung auf das Bewerbungsgespräch gegeben ist. Aber erst im Gespräch wird man beispielsweise Empathie- und Begeisterungsfähigkeit oder Vertrauenswürdigkeit – die soft skills – realistischer einschätzen.“

Ihr jüngstes Buch trägt den Titel „Digital Transformation Shaping the Subconscious Minds of our Organisations“. Was verstehen Sie unter dem „Unterbewusstsein“ unserer Organisationen?

„Das Unterbewusstsein von Organisationen ist – technokratisch gesagt – ein soziotechnisches Konstrukt, bestehend aus:

  • Technischen Infrastrukturen, die der Organisation unterbewusstes und bewusstes Handeln ermöglichen
  • Strukturen und Prozessen einer Organisation (formale und informelle Regelungen) und
  • Werten, Haltungen und Strategien.

Aus der Sicht der Psychologie und Kognitionsforschung treffen wir schnelle Entscheidungen  meist intuitiv. Stimmungen, Bias, Verzerrungen, Erfahrungen fließen dabei ein, die durch unser Unterbewusstsein gesteuert sind. Analogiebetrachtungen zu Organisationen – bestehend aus Menschen – können hier hilfreich sein.

Algorithmen treffen Entscheidungen bzw. machen Entscheidungsvorschläge. Aber sie sind ‚Statistik‘, sie haben Unschärfen; Daten haben Bias, das ergibt wiederum verzerrte Ergebnisse. Wichtig ist in diesem Zusammenhang natürlich die Datenqualität. Es ist unerlässlich, die Daten zu prüfen. Denn die Datenqualität hat direkte Auswirkung auf Entscheidungen. Algorithmen und Daten beeinflussen also das Verhalten der Organisation – ‚Organisational Behaviour‘.

All das ist zu berücksichtigen, wenn wir Entscheidungsunterstützungssysteme oder gar Automatismen implementieren. Daher gilt es, das Unterbewusstsein der Organisation bewusst zu gestalten. D. h., Datenqualität und Qualität der Algorithmen müssen gesichert sein. Die Kollaboration zwischen Mensch und Maschine gehört geregelt, die Verantwortungen geklärt, Kontrollen eingerichtet.“

Welche Rolle spielen in Zeiten der konstanten schnellen Veränderung dabei Werte wie Vertrauen in die Kompetenz von Mitarbeitern, wenn Künstliche Intelligenz und andere Support Systeme die Kontrolle in Entscheidungsprozessen übernehmen?

„Vertrauen spielt eine große Rolle. Aber auch Selbstvertrauen ist wichtig. Ein Arzt muss sich die Frage stellen: ‚Kann ich gute Entscheidungen ohne System treffen? Erkenne ich noch selbst die Zusammenhänge?‘ Organisationen sollten jedenfalls Trainings an Simulatoren als Ergänzung zur Praxiserfahrung anbieten.“

Sie sprechen oft von „hybrid intelligence“ – was verstehen Sie genau darunter? Welche Rolle kann dabei der Mensch übernehmen?

„Ich spreche von hybrider Intelligenz, wenn intelligente Menschen mit intelligenten Maschinen sehr eng und zweckgerichtet intelligent zusammenarbeiten. Der Mensch hat allerdings die Führung und Letztverantwortung. People do not serve structure, but structures serve people. Künstliche Intelligenz richtig angewandt, kann menschliche Intelligenz wertvoller denn je machen. Ist KI in falschen Händen und falsch eingesetzt, kann sie gefährlich sein. Kritische Sorge ist durchaus angebracht. Die Frage der Verantwortung für missbräuchliche Verwendung von KI ist zu klären. Wichtig ist es, das Ganze im Auge zu haben.“

Man gewinnt den Eindruck, dass es Ihnen wichtig ist, dass „der Mensch die Tools gestaltet“ und nicht umgekehrt. Als CIO sind Sie oft für Tools zuständig, während der Personalvorstand meist für Menschen zuständig ist. Was ist Ihr Beweggrund sich als CIO „für die Menschen“ einzusetzen?

„Die menschlichen Qualitäten der bewussten Wahrnehmung ethischer Verantwortung (metakognitives Bewusstsein), des Einfallsreichtums, der Anpassungsfähigkeit, der Kommunikation mit Empathie, die Fähigkeit Vertrauen zu bilden, bis hin zum Träumen und Lieben sind unverzichtbar und auch (noch lange nicht) technisch adäquat nachbildbar. Dem Menschen darf die Gestaltung und Steuerung der Systeme nicht aus der Hand genommen werden.“

Wie kamen Sie aus dem technischen Umfeld auf die philosophischen und kulturellen Themen in Organisationen?

„Arbeit mit Menschen als Führungskraft führt zwangsläufig zu Fragen der Psychologie und Kultur – das Unterbewusstsein als Metapher zum Begreifen der Möglichkeiten zur zweckmäßigen Nutzung von Künstlicher Intelligenz ist daher ein Brückenschlag zwischen Menschen und Technologie. Das Erkennen der aktuell sehr intensiven gesellschaftlich-kulturellen Umbruchphase und die Analyse in einer systemischen Betrachtung verleitet dann auch manchmal zu philosophischen Betrachtungen.“

Was empfehlen Sie Organisationen für die Zusammenarbeit zwischen Bereichen (IT, HR, etc.), um die digitale Transformation erfolgreich zu bewältigen?

„Das ist in einem kurzen Interview schwer zu beantworten. Ich habe in meinen Büchern Leitgedanken dazu formuliert und mit Beispielen und praxisnahen Szenerien erläutert. Im Fokus stehen dabei flache Hierarchien, Subsidiarität und Autonomie, die gut orchestriert im Sinne der Mission der jeweiligen Organisation agieren, manchmal auch improvisieren, die lernen und effizient zusammenarbeiten – unterstützt von KI in mannigfaltiger Ausprägung. Der Mensch muss aber am Steuer sitzen und sagen wohin es geht, was zu verbessern ist und es dann auch tun. Es geht darum, das Unterbewusstsein der Organisation klug zu gestalten.“

Welche Prozesse lassen sich dennoch gut digitalisieren, um dem Menschen und Organisationen einen Mehrwert zu bieten?

„Routineprozesse, die wenig menschliche Kommunikation, wenig Kreativität benötigen. Prozesse mit gut überschaubarer Komplexität lassen sich am besten nutzbringend digitalisieren.“

Welche Tipps würden Sie Unternehmenslenkern zur Bewältigung der Digitalen Transformation mitgeben?

„Flach organisieren, Verantwortung gut konsistent zu Aufgaben und Kompetenzen verteilen. Veränderungen des Verhaltens der Organisation und der Mitarbeiter laufend beobachten und schnell und entschieden steuern.“

Stellen wir uns vor wir machen eine Zeitreise: Wie funktionieren unsere Krankenhäuser in 20 Jahren und wo wird KI zur Selbstverständlichkeit? Welche Chancen sehen Sie darin und worauf muss man aus Ihrer Sicht besonders aufpassen?

„Patienten werden sich stärker einbinden lassen und das Feedback an Ärzte und Betreuung wird besser – ‚patient reported outcome‘: wie geht es mir, wie hoch ist mein Blutdruck, etc.

Es wird mehr zuhause versorgt und gemessen werden, mit Homecare Devices. Das ermöglicht Telemonitoring und mehr Televisiten statt allzu vieler physischer Arztbesuche. Alles wird für die am Behandlungsprozess Beteiligten und vom Patienten dafür autorisierten Personen transparent. Das wird den ambulanten Bereich entlasten. Andererseits wird der demographische Druck mit der Alterung der Bevölkerung steigen.

Die Versorgungsprozesse werden patientenzentrierter und koordinierter zwischen den Gesundheitsdiensteanbietern ablaufen. Künstliche Intelligenz wird Entscheidungsunterstützung bieten und zum Teil automatisierte Entscheidungen treffen, wie z. B. Dosierungen. Hoffentlich werden damit Ressourcen für eine bessere Arzt-Patientenkommunikation auf mehreren Kanälen frei und auch genutzt. Es wird auch mehr intelligente physische Unterstützung durch Roboter, wie z. B. Heberoboter, intelligente selbstfahrende Visitenwägen etc. geben.

Aber Vorsicht: die Qualifikation und Entscheidungsfähigkeit der Mitarbeiter müssen erhalten bleiben. Die Letztverantwortung muss beim Menschen belassen werden. Der Mensch soll seine Alleinvorteile nutzen und durch Trainings, Simulatoren, Nachschulungen dabei unterstützt werden (Analogie zu Flugsimulatoren). Der Mensch soll rechtzeitig und intelligent „dazu geschaltet“ werden – human in the loop!

Zusammenfassend kann gesagt werden: Das Krankenhaus soll ein helfender Ort mit helfenden Menschen sein, in dem die Abläufe gut, schnell und sicher funktionieren. Gesteuert durch ein geschickt gestaltetes „Unterbewusstsein“ der Organisation Krankenhaus und besiedelt mit Menschen und ihrer natürlichen Intelligenz, mit künstlicher Intelligenz und bei enger Zusammenarbeit hybriden Intelligenz. Unter Kontrolle und Aufsicht von Menschen – mit Menschen im Fahrersitz.“

Vielen Dank für das interessante Gespräch und Ihre wertvollen Tipps!

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